Es gibt
wohl kaum ein Land, in dem Gegensätze, Entwicklungsstufen und der Umbruch
zwischen unterschiedlichen Systemen derart intensiv und rasant erlebt - gelebt
- werden wie in China. Entwicklungen, die im Westen Jahrhunderte dauerten,
scheinen das Land der Mitte regelrecht zu überrollen: Tradition, Moderne und
Postmoderne; Kapitalismus, Kommunismus und Postkommunismus; Subkultur,
Kulturindustrie und Propaganda existieren nebeneinander und machen klare
Grenzziehungen unmöglich. Das Land explodiert in allen Bereichen.
Das
Ausmass der Bautätigkeit ist beispiellos. Der Beton- und Stahlbedarf der Welt
geht zu 45% bei Beton und zu einem Drittel bei Stahl auf das Konto Chinas. Ring
um Ring wird um Beijing gebaut. Shanghai ist die Stadt der Hochhäuser. Wie
sonst könnten über 16 Millionen Menschen auf einer Fläche von knapp 4.000qkm
untergebracht werden. China kann mehr als 100 Städte mit mehr als einer Million
Einwohnern aufweisen (die USA hat immerhin 13). China erobert den Raum.
So ist
es nicht verwunderlich, dass bei der EXPO Shanghai die Welt nach China kommt
und dort auf wenigen Quadratkilometern der Metropole Neubauten hochgezogen
werden, deren Existenz nur für eine kurze Dauer ausgelegt ist. China als
grösste staatliche Einheit, aber zentral organisiert sprüht vor enormer
Vielfalt an Produktivität und Kreativität, im Vergleich dazu bekommt man in
Europa leicht das Gefühl stillzustehen.
In den
vergangenen 30 Jahren entriss China mehr als 300 Millionen Menschen der Armut -
ein noch nie dagewesenes Ereignis, das jedoch auch Tücken mit sich bringt. Der
rasante Wandel des Lebensstils und der Zuwachs an Industrie zeigen einmal mehr,
dass der westliche Lebensstil nicht für die gesamte Menschheit möglich ist,
ohne den Planeten als Lebensgrundlage für die Menschen zu vernichten. Wie wird
in China damit umgegangen? Welche lokalen oder nationalen Lösungen kann es für
die globalen Probleme geben?
CULTURESCAPES
bildet eine Präsentationsfläche der kulturellen und künstlerischen
„Raumergreifungen". Wir schauen auf die Geo-Poetik eines Landes, die im Falle
Chinas so enorm an Zahl und Masse ist, dass eine wie auch immer gedachte
„Repräsentation" nicht möglich und auch nicht angestrebt ist. Mit der
Einteilung der Veranstaltungen in vier Themen - Wurzeln suchen, Neue Stimmen,
Innenansichten und Über die Mauer - versuchen wir, das Konzept des Programms
lesbar zu machen, den Tendenzen in der chinesischen Kulturszene in aller Breite
gerecht zu werden und vielleicht den Ansatz einer Idee von China zu entwickeln.
Einen gegensätzlichen Ansatz wählen die Themen ‚Suche nach den Wurzeln' und
‚Neue Stimmen' - Vergangenheit und Gegenwart sehen wir als Fundament für eine
erste Annährung an. Mit ‚Innenansichten' gehen wir der jüngeren Geschichte und
den aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen Chinas, aber auch der Welt
anhand wichtiger Projekte und Positionen nach. Im Mittelpunkt stehen die
bahnbrechenden vergangenen 30 Jahre seit der Reform- und Öffnungspolitik
(1978) der VR China. ‚Über die Mauer' wirft einen Blick auf die weitreichenden
Kooperationen mit dem Westen, in unserem Fall natürlich vor allem mit Künstlern
aus der Schweiz. Die dadurch entstehende Spannbreite des Programms umfasst die
verschiedensten künstlerischen Ausdrucksformen, von traditionellen bis hin zu
innovativen und experimentellen Projekten. Dank der weitreichenden
Unterstützung unserer Partnerinstitutionen ist CULTURESCAPES 2010 in dieser
Grösse möglich.