Den Ausdrucksformen junger chinesischer Künstler
scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein. Die Gesellschaft befindet sich in einem
explosionsartigen Umbruch: Postmoderne, Tradition und Moderne existieren
gleichzeitig, Genres gehen ineinander über, lösen sich gar auf. China presst
200 Jahre Postindustrialisierung in wenige Jahrzehnte. Der Blick auf
Tradiertes, Gewohntes verschiebt sich und erschüttert das Korsett
allgemeingültige Konventionen und Gewissheiten. Aus dieser Umbruchsituation
resultiert eine Vielfalt künstlerischen Schaffens, die mit Traditionen und
kommunistisch-kapitalistischen Realität(en) spielt. Neue Verknüpfungen, neue
Formsprachen und Stilvermengungen - kurz: neue Stimmen werden in Kunst und
Kultur laut.
Mit ihrer SHANGHAI LOUNGE wirft die
Performance-Künstlerin JIN XING - einst Oberst im chinesischen Militär, jetzt
Tänzerin, Choreografin, Chanteuse und Medienstar - gesellschaftliche Fragen
auf. In der Performance werden die TänzerInnen nach dem ‹Copypaste-Verfahren›
in immer neuen Kontexten und Konstellationen präsentiert. Geschlechterrollen,
Normen, das Design des Lebens und seiner Oberfläche werden in diesem Tanzstück
inszeniert, das in Zusammenarbeit mit Liquid Loft (Wien) entstand.
Aufgewachsen in einer von gesellschaftlichen
Umbrüchen geprägten Region Chinas, verbindet CAO FEI in ihren Videos und
Installationen die Einflüsse einer globalen Post-Popkultur mit traditionellen
Elementen der Oper oder des Theaters. Dabei überlagern sich Realität und
Fiktion, Geschichte und Gegenwart. Mit RMB CITY OPERA verknüpft Cao Fei eine virtuelle Stadt in Second
Life Manier mit zwei realen Tänzern auf der Bühne.
Drei Ausstellungen unterschiedlicher Bereiche
reflektieren den Wandel, der die chinesische Kultur seit Ende des 20.
Jahrhunderts durchzieht. Infantization,
die vom Vize-Direktor des Shanghai Art Museums Zhang Qing kuratierte Gruppenausstellung von 60 in den 1980er
Jahren geborenen Künstlern, zeigt Animationen, Installationen, Graffitis, Zeichnungen
und Fotografien. Die sogenannte ‹Gelatine-Generation› (ziellos und formlos),
verhält sich laut Zhang Qing, kindlich, obwohl sie heute erwachsen ist. Als
Bewohner des ‹globalen Dorfes› fühlen sie sich frei von wirtschaftlichen und kulturellen
Grenzen. Sehnsüchtig und ohne Ambitionen blickt sie zurück in ihre bunte
Kindheit.
Junge und bereits sehr erfolgreiche Architekten,
wie MA YANSONG und ZHU PEI, spielen in Rising East mit neuen, eigenen architektonischen Ausdrucksformen. Ihre Arbeiten
reflektieren den zunehmenden Einfluss von Lifestyle und Multimediaformanten auf
die Architektur zeitgenössischer chinesischer Städte.
Die Ausstellung Wortbilder
im Cartoonmuseum Basel
reflektiert die Entwicklungstendenz der Comic-Kunst, manhua. In den 1920er
Jahren als Kettenbilder auf offener Strasse gelesen und später zu
Propagandazwecken benutzt, erlebt die Animations- und Comicindustrie
gegenwärtig einen Boom. Insbesondere versucht man sich durch farbige Gestaltung
und Inhalt vom japanischen Manga abzugrenzen.
Der Animationskünstler SUN XUN, 1980 geboren,
kombiniert in seinen Arbeiten gezeichnete Entwürfe und traditionelles Material
mit Neuen Medien. Inhaltlich widmet er sich dabei Elementen aus Weltgeschichte,
-politik oder natürlichen Organismen. Für seinen neuen Film ‹21g›, der in CULTURESCAPES
Ausstellungspremiere hat, benötigte er 20'000 Zeichnungen und vier Jahre
Arbeit. Er stellt gemeinsam mit YANG FUDONG (1971), dem wohl bekannteste
Künstler seiner Generation, im Kunsthaus Baselland aus. Sein Interesse gilt vor
allem den Bruchstellen, die sich zwischen die sich durch die rasanten
Veränderungen ergeben.
Gemeinsam mit dem Festival Images, das vom 4. -
26. September in Vevey stattfindet, präsentiert CULTURESCAPES Arbeiten der Fotokünstler
LI YU & LIU BO, LI WEI und einer Installation von Pak Sheung Chuen.
Darüber hinaus werden im Rahmen von zwei
Residenzprogramme, die in Zusammenarbeit mit dem iaab, dem internationalen
Austausch- und Atelierprogramm der Christoph Merian Stiftung in Basel, und dem
Kulturzentrum NAIRS (Graubünden) stattfinden, drei Künstler in die Schweiz
eingeladen, um in einem anderen Kulturkreis Inspiration zu finden und vor Ort
ihre Projekte zu realisieren. Westliche Festivals stehen Schlange bei jungen
chinesischen Künstlern und Musikern. Der rasanten Entwicklung im Kulturbereich
und der grossen Aufmerksamkeit aus dem Ausland kann die chinesische
Infrastruktur nur unzureichend gerecht werden. Künstlern bleibt kaum Zeit, in
Ruhe an ihren Werken zu arbeiten.
Der Perspektivwechsel vollzieht sich jedoch nicht
nur in der Kunst. Die junge Generation Chinas ist bei CULTURESCAPES in allen
Sparten präsent. Neben Performances junger Choreographen wie XIAO KE, HE YUFAN
oder TAO DANCE, Lesungen der Autoren XU ZECHEN, LU MIN oder TIAN ER wurde ein Kompositionswettbewerb in
Zusammenarbeit mit dem Künstlerhaus Boswil für junge Nachwuchskomponisten,
geboren nach 1980, ausgeschrieben.
Inspiriert vom industriellen Hintergrund des Badischen Bahnhofs in Basel
und der Dampfzentrale in Bern, bringt Yan
Jun, eine der zentralen Figuren der chinesischen elektronischen Musik
und des Noise, ausgewählte Vertreter der New
Music from China in die Schweiz. Gemeinsam mit Wu Na, Lao GU, Xiao He und LI DAIGUO schreibt er Klänge
direkt in den Raum ein. Die Beijinger Newcomer Band PET CONSPIRACY erobert
derzeit mit einem Klanggemisch aus Electro und Disco den europäischen
Kontinent. In ihrer Musik suchen sie nach einer neuen Sprache und widerspiegeln
das, was man als derzeitige Tendenz der Beijinger Szene beschreiben kann.